Hochseefischer Welt
See-Episoden anderer Art
“Cap San Diego” “Cap San Diego”
 XXl Von Hamburg  durch die Nordsee Kleiner Schnuppertörn auf Riesenfrachter »Das mit dem Auslaufen kann 10, 12, 14 oder auch 22 Uhr werden«, ist sich der Schiffsmakler am Telefon nicht ganz sicher, »das hängt wie immer vom Pegel ab. « Fest steht jedoch, dass »mein« Schiff an diesem Tag im Hamburger Hafen liegt. Die 130.000 Tonnen große MS CMA CGM Vela lädt Container für ihre bevorstehende Ostasien-Rundreise. 56 Tage soll sie dauern. Wir wollen allerdings nur mal acht Tage »schnuppern«.
Lkw-Stau vor dem Hafentor am Burchardt-Kai. Die Weiterfahrt ist nur mit dem Terminal-Bus erlaubt, über dem eine gelbe Rundumleuchte blinkt. »Zu gefährlich hier«, meint der Fahrer und fragt, wo es denn hingehen solle. In scharfem Tempo karriolt er durch dunkle Containerschluchten und -gebirge. Quietschend schieben sich plötzlich Güterwaggons ins Bild, von warnenden Lokpfiffen untermalt. Gleich hinter den Schienen springt – Schreck in der Abendstunde! – ein Mann auf die Straße. Gesti-kulierend und radebrechend sucht der verirrte russische Fernfahrer den Ausgang. Spätestens jetzt wird dem Besucher klar, dass man hier chauffiert werden muss. Wir stoppen vor einer dunkelblauen Bordwand. CMA CGM steht in zehn Meter hohen weißen Lettern dran. Angekommen! Über uns schweben unter Sirenengeheul Container an und von Bord. Auf schwankender Gangway balancieren wir in die Höhe. Passagiergepäck schwebt per Kran an Bord.                                                                  An Deck eines der größten deutschen Containerfrachter. Hafenarbeiter drücken sich eilig an uns vorbei nach unten: Schichtende. »Gute Reise!«, wünschen einige.
 Durch acht Decks saust der Fahrstuhl nach oben. Kapitäns-»Musterung« über randlose Brillengläser hinweg: »Willkommen an Bord! Haben Sie Ticket und Pass dabei?« Der Vier-Streifen-Mann checkt kurz unsere Papiere, die auf einem Stapel neben dem Computer landen. »Tja, dann richten Sie sich mal häuslich ein«, hören wir noch. Spricht’s und wendet sich wieder seinen Geschäften zu. Für »lebende  Ladung« ist vor dem Auslaufen wenig Zeit. Fans im Café Stehblick Unsere Eignerkabine entpuppt sich als gemütlich: Doppelbett, Ecksofa, Stühle, Kühlschrank, Video-Musikanlage, Schreibtisch, Kleiderschrank, Bad – und Blick durch drei Fenster nach vorn auf bunte Containerstapel. Die Kräne arbeiten immer noch emsig, greifen Blechkisten und packen sie in die Laderäume. 18 Uhr: Abendbrot in der Offiziersmesse. An unserem Tisch noch zwei weitere Passagiere. »Frachterreise-Fans«, wie sie bekennen. Nach erstem Beschnuppern zwischen Suppe und Steak wird eine Begrüßungsbierrunde in der Bar verabredet. Doch es fehlt an Bier. Trotz Hafenstress rückt der Kapitän einen Karton heraus. Bis zum Auslaufen ist noch Zeit zum Erzählen. Die Süddeutschen kommen ins Schwärmen: Schiffe und Häfen lassen sie Revue passieren. Welterfahren. Begeistert sind wir von dem modernen (Baujahr 2008 in Korea), großen Schiff, den geräumigen, bestens eingerichteten Kabinen, Pool, Fitnessraum und Sauna.  Pünktlich um 22 Uhr erzittert der Koloss. Rund 100.000 PS, die einen der stärksten Dieselmotoren der Welt antreiben, geraten in Bewegung. Von der Brücke aus, dem scherzhaft genannten »Café Stehblick« – auf einem Kreuzfahrer absolute Tabuzone –, verfolgen wir das Ablegemanöver, 45 Meter über der Elbe. Hier ist man als Passagier hautnah dabei.
 Infos MS CMA CGM Vela: Bauwerft: Daewoo Shipbuilding & Marine Engeneering (DSME) Co., Ltd., Okpo, Korea; Baunummer: 4125; Kiellegung: 28.4.2008, Taufe (Elisabeth Wils, Ehefrau von Chief executive Vice President der französischen Reederei CMA CGM, Alain wils): 2.10.2008, Auslieferung (nach nur einem halben Jahr): 17.10.2008; Taufname: Conti Jupiter (eigner: Conti Containerschifffahrts-GmbH, München-Putzbrunn, Chartername (Charterer CMA CGM, Marseille): CMA CGM Vela       (Vela = »Segel des Schiffes«);                                                                       Bereederung: NSB Niederelbe Schifffahrtsgesellschaft, Buxtehude, 113. Schiff und Flaggschiff der Reederei; deutsche Flagge, Heimathafen: Hamburg;           Klassifikation: Germanischer Lloyd (GL) + 100 A5e, Container-ship; IMo 9354923; Rufzeichen: DFUMs; Schwesterschiffe: CMA CGM ThalaSSa (15.12.2008), CMA CGM hyDra (März 2009), CMA CGM moSCa (Mai 2009), alle drei auf französische Rechnung; Einsatzgebiet: FAL 1 (Nordeuropa–Fernost); Route (Europa–Fernost–Europa insgesamt 70 Tage, auch ab 5 Tage Abschnittsweise buchbar bei entspr. Kapazitäten): Hamburg–Rotterdam–Zeebrügge–Le Havre–Malta–Suez-Khor Fakkan–Chiwan–Pusan–Kwangyang– Dalian-Xingang–shanghai/Yangshan–Hongkong–Yantian–Singapore–Port Kelang–Suez–Tanger–Southhampton–Hamburg (Änderungen vorbehalten). Technische Daten: 128.600 BrZ, 130.700 tdw, 11.800 teU (20 Fuß standard), 347,48 m Länge (2 m länger als die Queen Mary 2, 45,20 m breit, 29,70 m seitenhoch bis wetterdeck, 15,50 m Tiefgang (max.), Höhe (Kielmast) 72 m;                             Typ: VLCs (Very Large Container ship); zählt zu den größten Containerschiffen der Welt; Maschine: Zwölfzylinder MAN B&w typ 12K98Me-C7, 72.240 kw (ca. 100.000 Ps), 24,3 kn Geschwindigkeit, sechsflügeliger Propeller (105 t Gewicht, ca. 9 m Durchmesser, gebaut von MMG Waren/Müritz), Verbrauch zwischen 160 und 320 t/tag (je nach Leistungsstufe), 16.000 t Schweröl-Bunkerkapazität, 25.000 t Ballastwasser Crew: 26 , Passagiere: max. 7 Ausstattung: Fahrstuhl, Schwimmbad (innen, Meerwasser), Sauna, Fitnessraum, Cd/dVd, Aufenthaltsraum (DVDs, Bücher zur Ausleihe), Liegestühle, Waschmaschine/Trockner (Waschpulver), Handtücher, Bettwäsche (wöchentlich frisch), Reinigung Kabine (wöchentlich), Steward an Bord. Kabinen: 1 Eignerkabine d (42 qm inkl. Bad), 2 Doppelkabinen Eigner A und B (ca. 32 qm inkl. Bad), 1 Einzelkabine Eigner C (ca. 20 qm inkl. Bad); Preise: Eignerkabine (100 €/Tag pro Person, 120 € bei Alleinbenutzung), Doppelkabine (95 €/tag pro Person, 110 € bei Alleinbenutzung). weitere Informationen: NSB-Reisebüro, Tel.: 0421-3388020; www.nsb-reisebuero.de Rückwärts Ausparken vom Liegeplatz                                                                                                                      
Tiefschlaf und Verlockungen Das Villenviertel von Blankenese leuchtet vornehm zurückhaltend von den Ufersteilhängen. Stumm die Schiffsbegrüßungsanlage in Schulau. Wegen Dunkelheit fällt der rührselige Abschied ins Wasser. Keine Hymnen, keine Tränen. Bis zumLotsenwechsel vor Brunsbüttel halten wir aus und schauen den Nautikern bei ihrer verantwortungsvollen Arbeit über die Schultern. Ihre Gesichter leuchten grün im Schein der Radarschirme. Das Grummeln des gewaltigen Zwölfzylinders garantiert seligen Schlummer. Letzter Lotsenwechsel bei Elbe I im Tiefschlaf. Wiegengefühle bei Nordseewellen. Nach dem opulenten Frühstück »Morgen-Dienst«: Sicherheitseinweisung durch den Zweiten Offizier. Auf einer Liste hakt er penibel alles ab: Rettungsweste, Schutzhelm, Notausstiege, Sammelplatz, Feuerlöscher. Pottendicker Nebel unterstreicht diese lebenswichtige Aktion eindringlich. Ins Schwitzen bringt uns erst die Sauna. Nach der Abkühlung im Innenpool geht’s hüllenlos an die frische Luft. FKK auf See. Am Abend tastet sich CMA CGM Vela in die Einfahrt des belgischen Hafens Zeebrügge. Das schlafende Seebad verlockt noch nicht zum Landgang, doch am nächsten Morgen bei strahlendem Himmel. Gelegenheit für Außenaufnahmen vom Schiff, Gespräche mit freundlichen Kabeljau-Anglern, Promenadenauslauf, am Strand und in den Dünen. Ein Modellfischkutter geht als Souvenir mit an Bord. Lösch-Szenario mit Fachwerk-Kulisse Der Frachter hat am Spätnachmittag seine Nase wieder in die Nordsee gesteckt. Voraus versinkt ein glühender Sonnenball im Englischen Kanal. Autobahnmäßig dichter Schiffseinbahn- und Fährenquerverkehr zwingen den Kapitän  zur Daueranwesenheit auf der Brücke. Stress bis in die Morgenstunden. Englische und französische Küste sind zu Glühwürmchenketten geschrumpft. Bei der Kojenlektüre von Lothar-Günther Buchheims Roman »Die Festung« frage ich mich, wie das hier wohl 1944 während der alliierten Invasion ausgesehen haben muss. Gewundener Flusskurs bis zum Terminal von Southampton. Gleich nach dem Festmachen schweben wieder Container durch die Luft. Gleiches Lade- und Löschszenario wie in Hamburg und Zeebrügge, nur mit unter- schiedlichem Hintergrund. Hier sind es Fach- werk-Cottages, Wiesen und Weiden, typisch englisch eben.  Epilog: Nach einer 2.000-Seemeilen-Schnupper-Wo- che ab Hamburg – nicht einmal die berüchtigte Biskaya hat unserem Riesen etwas anhaben können – kommt das »Container-Drehkreuz« des Mittelmeeres in Sicht. Gelbbraune Steil- küsten werden von blauen Containerkränen und -gebirgen überragt: Malta voraus! Von hier wird »Voltaire«-Ladung in andere Mittelmeer- Häfen verteilt. Zeit zum Abschiednehmen, aber zu schade für einen übergangslosen Flug an die heimische Ostseeküste. Wir nisten uns noch für ein paar Tage auf dem nordmaltesischen Insel- chen Comino ein. Später sehen wir CMA CGM Vela vom Hotelbalkon als Modellschiff über den fernen Horizont kriechen – Kurs Ostasien. Irgendwann wollen auch wir bis Shanghai an Bord bleiben