Hochseefischer Welt
See-Episoden anderer Art
FS “Mimer” FS “Mimer”
MS “Thetis D”
Das Seefahrtsbuch von Klaus haben die russischen Kontrolleure bei der Einreise in der Mitte so auseinander gedrückt, dass sich Nähte gelöst haben. Obwohl sie selbst die Verursacher gewesen sind, haben sie Klaus einfach den Landgangs-Stempel verweigert. Der Dolmetscher erklärt jedoch, dass die jetzigen ihm den – zu spät natürlich! - genehmigt hätten. Es herrscht nach wie vor schikanöse sowjetische Willkür. „Und sowas müssen wir noch belohnen“, schüttelt Pekka den Kopf. Die prall gefüllten Zöllner-Taschen beulen aus dank Zigaretten und 75-prozentigem „Blümchen“-Wodka. „Das ganze Zeug“, weiß Pekka, „wird natürlich weiter verhökert“. Um 17 Uhr endlich werden die Leinen eingeholt. THETIS D dreht in den engen Seekanal, voraus noch zwei weitere Schiffe. Man fährt hier im Einbahn-Konvoi-Verkehr. An Backbord neben dem Ölhafen verabschiedet uns die Stadt Sankt Petersburg mit drei Meter hohen kyrillischen Betonbuchstaben: LENINGRAD, dahinter geduckt ein Wachhäuschen, in dem ein bewaffneter Posten nach Eindringlingen oder Spionen Ausschau hält. Die Sowjetunion lässt nach wie vor grüßen. Beim Ein- und Auslaufen.
St. Petersburg oder doch noch Leningrad ??
In der Ferne strahlt eine vergoldete Kirchenkuppel im Sonnenuntergang über der Festungsinsel Kronstadt. Durch den Tunnel unter dem Flut-Sperrwerk rauscht der Feierabendverkehr. An der Südküste der Bucht unterbricht der weiße zaristische Sommerpalast Peterhof das dunkle Waldgrün. Die schwarzen Gefängnismauern der kreisrunden Pestinsel – heute Party-Location für betuchte Russen – künden von düsteren Zeiten. Die im Kriegshafen vor sich hin rostenden Wracks der ehemals ruhmreichen Baltischen Flotte haben auch schon bessere Zeiten gesehen. Nachdem die Sonne sich gegen 21 Uhr als heller Lichtstreifen in dunklem Gewölk verabschiedet hat, erleuchten nur noch vor Anker liegende Schiffe die hereinbrechende Nacht. Und die Crew feiert in ihrer Messe. Das Ende von zwei schlafarmen Tagen und Nächten in Sankt Petersburg sowie den bevorstehenden Seetag. Familie und Heimat dominieren die fröhliche Bier-Runde.
Schnellste Revierfahrt mit Jazz-Nacht Donnerstag: Seemanns-Sonntag – das war einmal, meint Klaus, aber freut sich auf den Kuchen, den der Smutje zu diesem Anlass in die Röhre geschoben hat. Der Duft zieht durch das hohe Deckshaus bis zu Pekka auf die Brücke. Unser Kurs führt weg von dem viel befahrenen Südwest-Track an Gotland entlang nach Südost, der Ostsee-Autobahn. Man kommt sich fast so einsam vor wie mitten auf dem Atlantik: kein Schiff auf spiegelglatter weiter  Meeresflur. Bis sich an Backbord ein heller Streifen auf die Kimm legt – die legendäre Samlandküste. Irgendwo hinter den Dünen versteckt sich das bis 1945 nördlichste deutsche Dorf: Nimmersatt – „dort, wo das Reich sein Ende hat“, hieß es damals. Heute verläuft hier die Grenze zwischen Litauen und Lettland. Die ehemalige Reichsstraße 1, die heutige A 13, verbindet die beiden baltischen EU-Länder. 20.30 Uhr: Voraus flackern noch dünn die Lichter von Klaipeda, dem früheren ostpreußischen Memel. Eine halbe Stunde später klettert der Lotse an Bord. Schon eine dreiviertel Stunde später liegt THETIS D an der Pier. „Die schnellste Revierfahrt“, freut sich Pekka nach 508 Seemeilen seit der Neva, „die ich hier erlebt habe!“ Und der Lotse schwärmt: „Das Schiff fährt sich ja leichter als ein LKW!“ Viel Zeit bleibt zum Laden und Löschen: nur 120 Container-Moves bis zum nächsten Tag um 14 Uhr, verkündet Pekka. Er und Chief Ingo Lange freuen sich auf eine lange Jazz-Nacht und Alt-Memeler Bier in einer dafür bekannten Altstadt-Kneipe.
Wiedersehen nicht nur mit Ännchen von Tharau Mein Landgang beginnt erst am nächsten Tag nach dem Frühstück. Dazu gehört auch eins der beiden Bordfahrräder. Ein Matrose hat es geputzt, geölt und Luft aufgepumpt. Kapitän Pekka fackelt nicht lange und schleppt es die steile Gangway herab. Service à la THETIS D!
Quer durch den Hafen zu radeln, das geht natürlich nicht. Ein baumlanger Sicherheitsmann pfeift mich zurück. Er bedeutet mir, abzusteigen und ihm schiebend zu folgen. Doch der Fußgängerausgang ist gesperrt – diesmal durch einen ellenlangen weißrussischen Güterzug. Also umdisponieren. Ich steuere das Tor für LKWs an. Doch der Posten lässt mich nicht durch, weil hier keine Personenliste vom Schiff vorliege. So verlangt es die ISPS-Vorschrift. Endlich bewegt sich die Zugschlange und gibt den Überweg frei. Auch hier spricht die brummlige Uniformierte nur Russisch. Die Liste liegt vor, ich werde abgehakt, muss aber das Rad über ein Drehkreuz wuchten. „Paka!“ Und Tschüss bis später! Ein freundliches Lächeln huscht über ihr bis dahin versteinertes Gesicht. Gleich hinter dem Zaun fallen ein paar schwarze geländegängige Nobelkarossen auf, um die glatzköpfige Muckibuden-Typen in Lederjacke und mit Sonnenbrille herumstehen, rauchen und telefonieren. Die Kennzeichen verraten ihre Herkunft: Russland. Nur ein dicker BMW trägt ein englisches Nummernschild. Den Rest kann man sich denken… Fünf Kilometer Holper-Radweg und Hauptstraße Minijos gatve mit unansehnlichen Neubau-Platten-Hochhäusern noch aus sowjetischer Zeit. Die kann man sich schenken. Eine Runde durch die Altstadt über historisches Kopfsteinpflaster, das den Radler durchschüttelt, ist hingegen ein Muss. Den Reiseführer „Landgang an der Ostsee“ sollte man zur Orientierung und Information sollte man dabei haben. Und ein bisschen litauisches Handgeld. Chief Ingo Lange kann damit aushelfen. Auf dem Theaterplatz startet das Sightseeing-Programm. Davor thront Ännchen von Tharau auf ihrem Simon-Dach-Brunnen. Und Ingred Udriewe, die Bernsteinverkäuferin. Ein Wiedersehen mit herzlicher Umarmung, denn vor ein paar Jahren habe ich sie hier für einen Film interviewt. „Ich bin und bleibe Ostpreußin“, bekennt sie in ihrem breiten anheimelnd-„jemietlichen“ Dialekt und drückt mir zwei goldgelbe, in der Sonne funkelnde Steine in die Hand. Im Gegenzug bessere ich ihre karge Rente um ein paar „Eurochens“ auf. Die 72-Jährige strahlt über ihr breites, freundliches Gesicht: „Fier ainen scheenen Kaffee wird´s schon räichen“.
Bernsteinhändlerin Ingrid Udriewe
Ännchen von Tharau
Reale Traumstrand-Träume Umgerechnet 50 Cent kostet die kurze Fährreise – mit fünfzehnminütigen Abfahrten - von der Dane-Mündung über das Kurische Haff nach Smiltyne auf der legendären Nehrung. Von dort führen alle Wege durch würzig nach Harz duftenden Kiefernwald vermischt mit salziger Ostsee-Luft. Der asphaltierte Radweg verläuft noch 50 Kilometer weiter über Juodkrante/Schawarzort bis zu den hohen Dünen nach Nidda/Nidden an der russischen Grenze. Dafür reicht die Zeit heute aber nicht. Wohl aber für einen Abstecher zum Strand, der mit Blick von den Dünen sich endlos nach Südsüdwest zu erstrecken scheint. Der schneeweiße Pudersand knirscht wie Pulverschnee unter den Füßen.  Und die See lockt unwiderstehlich zum Baden. Also hinein in das klare, wellige Vergnügen!
Bis eine Kapitäns-SMS mich aus Traumstrand-Träumen reißt: „Wir haben verholt zum Terminal am Fährhafen und wollen gegen 17 Uhr auslaufen“. Ich melde zurück, dass ich wohlauf und unterwegs sei. Für ein schnelles Bier in einer alten deutschen Gaststätte am Haff reicht es aber noch. Ein an Land aufgebockter Museums-Trawler mit Hammer und Sichel im Schornstein muss auch noch ins Programm passen, ebenso das kleine Museumsdorf an der Uferpromenade. Auf dem Markt gehen preiswerte, sehr vitaminhaltige Aronia-Beeren für Marmelade zu Hause mit sowie leuchtend rote Gartentomaten. 
Markt in Klaipeda-Memel
günstige Preiselbeeren
Dann aber auf zum Rückweg – 15 Kilometer bei schweißtreibendem Gegenwind. Problemlos der kurze Check am Gate. Pünktlich, aber ausgepumpt klettere ich die Gangway hoch an Bord. Schon eine dreiviertel Stunde später gibt Pekka das Kommando „Klar vorn und achtern!“ Noch 509 Seemeilen bis nach Hamburg. Morgen ist der 1. September: Kriegsausbruch vor 73 Jahren. Schicksalsland Ostpreußen. Wir dampfen sozusagen auf dem Kurs der Flüchtlingstransporte gen Südwesten an Königsberg und Danzig vorbei. Über wie viele Weltkrieg-II-Wracks mag THETIS D wohl jetzt laufen? Unvorstellbar! Unbeeindruckt davon steigt abends eine Party in der Crew-Messe. Zum Abschied von Klaus und mir. Chief mate Michael Tanquiamco hat dazu eingeladen. Er steht in der Kombüse am Herd – der Smut ist heute selber Gast -  und brät Berge von leckeren Kingprawns mit Knoblauch satt und selbst angerührter scharfer Sauce. Über den Flachbildschirm laufen meine Reisebilder. Das Bier strömt, und die Stimmungswellen gehen hoch. Bis in den frühen Morgen, der von fackelnden polnischen Ölbohrinseln erleuchtet wird. „You are back next year?, fragen die Männer, „always welcome home on board THETIS D!“ Netter kann man´s nicht sagen.
Schluss-Akkorde in Poolposition Noch ein Traumstrand. Am nächsten Morgen ist es an Steuerbord die Südküste von Bornholm mit ihren kilometerlangen Dünen von Dueodde. Zwei Stunden später bricht Rügens kalkweiße Kreideküste durch den Horizont, von der Sonne angestrahlt.
Bis die beiden Leuchttürme von Kap Arkona in Sicht kommen, wenig später der von Hiddensee auf dem Dornbusch. Wie eine Fata Morgana schweben die Kirchtürme von Stralsund in der flimmernden Mittagsluft über dem Wasser. An Steuerbord grüßen aus 25 Seemeilen Entfernung die Kreideklippen der dänischen Insel Mön herüber. Hier beginnt ein Wettrennen um die günstigere Einlaufzeit in den Nord-Ostsee-Kanal. MS REINBEK mit 16,5 und MS THETIS D mit 17,3 Knoten. „Zum Kaffee haben wir sie“, grinst Kapitän Pekka, „zumal der Kollege da drüben auch noch einen zu großen Bogen gefahren ist“. 15.45: Das Rennen ist wie prophezeit gelaufen.     Damit hat sich THETIS D in Poolposition geschoben und viel Zeit gespart. Punkt 18 Uhr ist die Lotsenstation am Leuchtturm Kiel erreicht. Um 19.30 wird in der Schleuse Holtenau festgemacht. REINBEK schafft zwar noch die parallele Südkammer, aber bleibt im Nachteil, denn sie liegt im folgenden Konvoi weit hinter uns. Über Kiel steigen Freiluftballons auf, links und rechts des Kanals leuchten Fackeln, Menschen drängeln sich an den Ufern. „Die feiern ´Nord-Ostsee-Kanal in Flammen`“, erklärt der Lotse, selbst ein bekennender Romantiker. Er greift sogar zum Fotoapparat. Die Serie seiner Stimmungsbilder, auch von früheren Passagen, kann sich sehen lassen. Bei Landwehr Musik und Feuerwerk, getoppt von einem riesigen Honigmond, der lächelnd über die Baumwipfel kriecht. „Wenn du willst“, sagt Pekka mit Lotsen-Einverständnis, „kannst Du das Typhon bedienen! “ Mit Freuden! So was lässt man sich nicht zwei Mal sagen! Los dröhnt das mächtige Signalhorn in die milde Spätsommernacht, meine Nackenhaare stellen sich auf, und an Land klatschen die Zuschauer begeistert Beifall. Darunter auch Freunde aus der Umgebung, die extra zu dem Spektakel gekommen sind. „Wollt ihr ´n Bier?“, ruft jemand zu uns herauf, „dann müsst ihr runterkommen!“ Alles lacht, Böller krachen.
Wettrennen mit Containerfrachter "Reinbek"
Kreideküste der Insel Rügen
Der Kanal brennt-vor Beleuchtung
Naturfreak Kapitän Pekka saugt tief die würzige Acker-, Wald- und Wiesenluft ein: „Wie schön, mal wieder Landschaft zu genießen!“, freut sich der Finne. Noch einmal großes Kanal-Theater an der Schiffsbegrüßungsanlage in Rendsburg. Doch nach dem Lotsenwechsel um Mitternacht bei Rüsterbergen wird es stiller, Kapitän Pekka verabschiedet sich in die Koje und der Zweite übernimmt. „Gute Ruhe!“ wünschen Lotse, Kanalsteurer und Zweiter, „gute Wache!“ Pekka, der sich bis zum Einlaufen in die Schleuse Brunsbüttel aufs Ohr legen oder „abruhen“ kann, wie er sagt.
Überpünktlich – eine halbe Stunde früher als geplant – macht THETIS D nach rund zehn Tagen und 1898 Seemeilen oder 3500 Kilometern sowie einer Transportbilanz von 2639 Containern am Sonntagmorgen wieder in Hamburg fest. Bei strahlendem Sonnenschein. Gelesen habe ich auf dieser Reise „gegen den Strich“: Christian Irrgangs amüsant-informatives Buch „Ostsee linksherum“. Sein Motto, das auch meins geworden ist, kommt mir in den Sinn: „Momente des Glücks im Augenblick des Erlebens als solche erkennen und nicht erst in der Rückschau, wenn man sich erinnert und sagt: ´Es war ja so schön!`     Das, so meint er, „sollte man immer und überall beherzigen“.  Dr. Peer Schmidt-Walther
Abschiedsstimmung im Kanal
"Thetis" im Romantik-Look
Infos: Schiffsdaten MS „Thetis D“: Bauwerft: J. J. Sietas, Hamburg-Neuenfelde1; Baujahr: 2009; Typ: 178 „Baltic Max“, Containerfeeder-Schiff; Länge: 168 m, Breite: 27,5 m, Tiefgang (max.): 9,50 m; tdw: 17.882 t; Klassifizierung: Germanischer Lloyd (GL); IMO-Nr.: 9372274; Eisklasse: E 4/1 A Super; TEU: 1421 TEU; Höhe: 38 m; Hauptmaschine: 11.200 kW (15.227 PS), MAN B&W; Verbrauch (bei Öko speed 16 kn): 30 – 35 t Schweröl IFO 380 low sulphur (Preis/t: ca. Euro 600); Crew: 11; Bugstrahlruder: 900 kW, Heckstrahlruder: 750 kW; Flagge: Liberia; Heimathafen: Monrovia; Aus dem Taufspruch vom 20.9.2009: „…Dein Anblick erhellt, Du Thetis, des Meeres Braut… magst trotzen der rauen Gewalt unverwundet an Bug, in Luv und Lee…“ Fahrtgebiet: Nord-Ostsee, Fahrtstrecke: ca. 2000 Seemeilen in acht bis zehn Tagen Buchung, Infos Reederei Drevin: www.reederei-drevin.de; Preis pro Tag/Person: 80 € Literatur-Empfehlungen: Michael Dojel: „38 kreuzfahrthäfen – Landgang an der Ostsee“, Reise Know-How, ISBN 978-38317-1541-1 (Euro 12,80); Christian Irrgang: „Ostsee linksherum – Ansichten eines Segelsommers“, Delius Klasing, ISBN 9-783-7688-3545-9
Die Crew der MS "Thetis D"