Hochseefischer Welt
See-Episoden anderer Art
Flugzeuge im Bauch Flugzeuge im Bauch
                 Auf dem „Amazonas des Nordens“ - fast wie zur Hanse-Zeit Mit letztem DDR-Motorgüterschiff „Dömitz“ im Fluss-Slalom durchs vorpommersche Herz Dr. Peer Schmidt-Walther
Zwischen ihrer Mündung ins Kleine Haff östlich des vorpommerschen Städtchens Anklam und Malchin am Kummerower See ist die Peene auf rund 100 Kilometern schiffbar. Ein Sonntagsausflug der ganz besonderen Art. Der mit 136 Kilometern längste Fluss Mecklenburg-Vorpommerns gilt als das idyllischste Fließgewässer Norddeutschlands. Flora und Fauna des Grenzflusses zwischen den Landesteilen Mecklenburg und Vorpommern sind außergewöhnlich. Ein unzerstörtes, kaum besiedeltes Paradies. Inzwischen bekannt als „Amazonas des Nordens“ und Paddel-Eldorado. Heute ein Lebensraum zahlreicher geschützter Tier- und Pflanzenarten. „Pena“ nannten sie die Slawen einst, „schaumiger Fluss“. Der schlängelt sich allerdings völlig schaumlos in einem Urstromtal durch das größte zusammenhängende Niedermoorgebiet Europas, gespickt mit Torfteichen sowie schier endlosen Sumpf- und Schilfwiesen.
Auf ins Herz des Landes! An Bord geht es - eine Schiffreisen-Premiere für den Autor! - in Anklam, der 1264 gegründeten ehemaligen Hansestadt mit Steintor, Pulverturm und Denkmal für den hier geborenen Flugpionier Otto Lilienthal. Bei Flusskilometer 89 beginnt im Hafen mit seiner Speicherkulisse die außergewöhnliche siebenstündige Frachterreise ins Herz von Mecklenburg-Vorpommern. Mit 550 Tonnen Dünger aus dem polnischen Police, dem früheren Pölitz an der Oder im Laderaum und einer komplett anderen Sicht als vom Kajak mit Froschperspektive. Beide Wasserfahrzeuge sind auf ihre Art umweltfreundlich. Statt 21 LKW bewältigt ein Binnenschiff die Ladung und verbraucht statt 630 Liter Diesel nur 370. Allemal eine positive CO2-Bilanz. „Wozu haben wir Wasserstraßen?“, fragt Schiffsführer Ulrich Krüger nach dieser kleinen Rechenübung zur Begrüßung.
Freuden der Langsamkeit Das Motorgüterschiff MS „Dömitz“, 1960 in Boizenburg an der Elbe gebaut, passt wie                                      maßgeschneidert zum Fluss: 67 Meter lang, 8,19 Meter breit, beladen maximal 2,36 Meter                                                      tief gehend und mit 805 Tonnen vermessen.  Letztes seiner Art, das in diesem Revier verkehrt. "Wo es zu eng wird, kann man auch keine Fehler machen", meint Krüger aus Anklam                                          augenzwinkernd und startet den robusten 420 PS-Achtzylinder aus Magdeburger                                                                  SKL-Produktion des einstigen VEB „Karl Liebknecht“. Der unschlagbare Koloss bringt                                                          ein Schwergewicht von zwölf Tonnen auf die Waage.  „Unterm Kiel haben wir genug Wasser“, beruhigt Krüger den sonntäglichen Mitfahrer                                                             mit Blick aufs Echolot. „Die natürliche Tiefe des Flusses liegt ohne jegliche Baggerung                                                     konstant zwischen drei und fünf Metern, das Gefälle beträgt auf 100 Kilometer gerade                                                            mal 28 Zentimeter. Weil die Strömung so schwach ist, können wir mit Tempo 10 zu Berg                                                             fahren.“ Dazu fällt einem der Buchtitel „Die Freuden der Langsamkeit“ ein.                                                                          „Bei entsprechenden Windrichtungen“, weiß der Schiffer, „strömt das Wasser sogar                                                            gegen die eigentliche Fließrichtung“. 19 Durchstiche und zwei Begradigungen verkürzten                                                      den Flussweg für Schiffe von ursprünglich 104,6 auf 98,2 Kilometer.
Sightseeing von der Brücke Aufregung, als ein Sumpfbiber knapp vor dem Schiff die Ufer wechselt. „Die Tiere“, weiß Krüger, „wurden hier ausgewildert und sind schnell heimisch geworden“. Fischreiher segeln lautlos in den Schilfsaum. Die ersten Kraniche trompeten aus dem Schilf, zwei Seeadler streiten sich am Boden um einen erlegten Hasen und Rehe halten beim Äsen inne oder schnellen in eleganten Sprüngen davon. „Welcher Schiffsführer hat schon solche Anblicke?!“, meint Krügers Anklamer Kollege, GbR-Geschäftspartner und früherer Schulkamerad Norbert Hagemann beim Mittagsmenü: gefüllte Paprikaschoten mit Salzkartoffeln und Soße.
Ulrich Krüger tastet sich derweil auf der Brücke zehn Kilometer durch die scharf gekrümmten Flussschleifen, die durchschnittlich nur 60 Meter breit sind. Plötzlich aus dem Schilf eine aufgeregte Stimme: „Ist das aber ein Mordskasten!“ „Der wird gleich noch länger!“, ruft jemand schlagfertig zurück. Die Stimmen gehören zwei Anglern bei Stolpe, dem „schönen Dorf“ mit edlem Gutshaus, heute Sterne-Hotel. Reste eines Benediktinerklosters und die historische Gaststätte „Fährkrug“ gleiten an Backbord vorüber. Kurz darauf beginnt das Peenetalmoor mit seinen ehemaligen Torfstichen. „Bis in die 60er Jahre, weiß Krüger, „gab es hier zwei Dutzend Ladestellen“. Ein paar Buhnenstummel zeugen noch von den Anlegern für Binnenschiffe. Kleine 90-Tonner wie die bei Anklam noch als Wohnschiff dümpelnde „Valeria“, luden hier Torf, Zuckerrüben und Getreide oder brachten Kohle und Kalkstein zu den früheren Zuckerfabriken in Jarmen und Demmin. Im Wald und doch an Bord 45 Kilometer Beschaulichkeit bis zum Landstädtchen Loitz, einer slawischen Gründung aus dem 12. Jahrhundert, genau im Landesmittelpunkt. Überragend  St. Marien, die Backsteingotik-Kirche aus dem 13. Jahrhundert. Ulrich Krüger gibt den Fremdenführer, und das gern. Seine fundierten Revierkenntnisse hat der Tierarzt-Sohn, dessen Vater ihn über die Segelei für die Binnenschifffahrt begeisterte, schon in vielen Beiträgen für die Schiffer-Zeitung dokumentiert. Kein entgegenkommendes Schiff, nur hin und wieder ein verträumt daliegender Angelkahn. Man winkt sich freundlich zu. Zugewucherte Torfstiche zweigen wie Zinken eines Kammes vom Ufer ab. Erlenbruchwälder und Schilf gleiten als grüner Film vorüber. Durch die würzige Luft segelt ein riesiger Seeadler, der ein dreistöckiges Nest bewohnt. „Ich glaub´, ich bin im Wald!“, geht es einem durch den Kopf – „und das auf einem Frachter!“ Anruf beim Brückenwärter. Hinter einer Flussbiegung reckt sich im Zeitlupentempo die Fahrbahn der Landstraße von Loitz nach Süden wie ein Scherenschnitt in den Abendhimmel. Zentimetergenau, mit nur einem halben Meter Abstand zu jeder Seite, zielt Krüger durch das Bauwerk. Routiniert-lässig: „Selbst wenn du hier mal anditschst, kein Problem“.
Allens bi´n ollen? Nach insgesamt gut 60 Kilometern erhebt sich der 80 Meter hohe spätromanische Turm der St. Bartholomaei-Kirche der 1249 gegründeten Stadt Demmin über das grüne Meer. Die thront, von Flussarmen eingezwängt, auf einer neun Meter hohen Sandscholle. "Hier, an der Grenze zwischen Mecklenburg und Pommern, haben die einmündenden Flüsschen Trebel und Tollense den Begriff ´Drei-Strom-Land` geprägt. Seit der Hansezeit herrschte hier reger Schiffsverkehr unter Segeln, und 1855 kam der erste Dampfer aus Stettin. Sichtbares Zeichen für den regen Handel sind die Getreidespeicher am Hafen", erklärt der belesene Ulrich Krüger. Dahinter das „blaue Wunder von Demmin“, eine Klappbrücke, die den Weg frei gibt zum 20 Kilometer entfernten Kummerower See. „Bis Malchin können wir fahren“, erklärt Krüger, der an den „Lübecker Speichern“ von Demmin festmacht, „aber für heute ist Feierabend. Morgen früh ab sieben Uhr greift der Bagger ein und rollen die LKWs an“. Als riesenroter Ball taucht schließlich die Sonne hinter dem Auewald im Westen unter den  Horizont und bringt den hohen Himmel in allen Farben zum Glühen. Später lässt milder Vollmondschein den Fluss noch romantischer erscheinen. Nebelschwaden wabern. Bilder von Caspar David Friedrich kommen einem in den Sinn. "Hier bliwt allens bi´n ollen!", stellte auch schon der mecklenburgische Heimatdichter Fritz Reuter auf Plattdeutsch fest. Übersetzt heißt das: „Hier bleibt alles beim alten!“ Hoffentlich auch noch eine Weile für den Oldtimer „Dömitz“, deren TÜV 2018 fällig ist. Ulrich Krüger (61) und Norbert Hagemann (60), beide schon über 40 Jahre auf der Brücke, sehen das eher skeptisch: „Investitionen lohnen nicht mehr. Wir sind froh, dass wir hier noch was verdienen und bis zur Rente über die Runden kommen“.
Infos:  MS DÖMITZ: Auftraggeber: VEB Deutsche Binnenreederei, Berlin; Bauwerft: VEB Elbe-Werft, Boizenburg, Baujahr: 1960; Typ „Motorgüterschiff Boizenburg – I“; insgesamt gebaut  (1960-1964 auch auf den Werften Oderberg und Roßlau) 90 Schiffe (später vielfach auf 80 m verlängert mit Tragfähigkeit 1.046 t); Länge über alles: 67 m ; Breite: 8,19 m, Seitenhöhe: 2,50 m / Gesamthöhe: 3,95 m; Tiefgang leer: 1,17 m, beladen: 2,35 m; Tragfähigkeit max. nach letzter Eichung: 845 t; Maschinenanlage: 8-Zyl.-Hauptmaschine Typ 8 NVD 36 A, Leistung: 420 PS / Drehzahl 375 U/min, VEB Schwermaschinenbau „Karl Liebknecht“, Magdeburg; Ruderanlage: 60 Grad schwenkbar; Geschwindigkeit: 14 km/h (max.); Laderaumabdeckung : Stahl – Rolldeck; Einsatzgebiet: DDR-Wasserstraßen, Küstenfahrt, später auch westdeutsches/europäisches Wasserstraßennetz; Schiffe waren z.T. eisverstärkt, konnten als Schub- und Schleppverband fahren; typisch: die abgeschrägten Steuerhausfenster. Die Peene  (das Wort  Pena stammt aus dem Slawischen und bedeutet so viel wie „schäumender Fluss“) ist mit rund 136 Kilometern der längste Fluss in Mecklenburg-Vorpommern. Sie entspringt bei Gnoien und mündet östlich der Stadt Anklam in den nach ihr benannten Peenestrom, einem der drei Mündungsarme der Oder. Von ihrer Mündung bis Malchin am Kummerower See ist die Peene als 98 Kilometer langer Schifffahrtsweg ausgewiesen. Das größte deutsche Schiff, der 330.000 Tonnen tragende Erzfrachter „Peene Ore“, wurde nach dem Fluss benannt. Literatur: Zwischen Mecklenburgischer Schweiz und Ostsee, Mecklenburg-Vorpommern  (ISBN 978-3-493-55643-8); Flusskarten im „Törnplaner Peene, Oder und Bodden“ (ISBN 3-9806720-1-8)