Hochseefischer Welt
Fahrzeitberichte
Das Fenster, Peggy und die Fledermaus
I. Teil, aus dem Jahre 1977 von Kapt. Volker Mitschke Es begann am 01. August 1977, heute vor vier Jahren war Walter Ulbricht gestorben. Ach, Unsinn, das gehört gar nicht zur Überschrift, stand nur unter diesem Tag in meinem Kalender. In meinem Taschenkalender von damals steht aber: Anfang Stress, Ausklarierung zur Georgesbank und Ausrüstung des Schiffes. Der Insider weiß gleich, wenn er Georgesbank liest, Hering und viel Nebel. Diesmal sollte es anders kommen, nicht nur mit dem Hering, auch mit dem Nebel. Für denjenigen, der nichts mit dieser Bank anzufangen weiß ,mal gegoogelt: - The Georges Bank is located in the Gulf of Maine. It is an elevated part of the continental shelf that stretches under the ocean from Massachusetts to Nova Scotia.- Mit meinen Worten, eine Bank auf dem USA-Schelf, im Golf of Main, ungefähr auf der Höhe von Boston. Seit 10 Jahren war auch unsere Flotte hier präsent und fischte sehr erfolgreich auf Hering. Eine Story am Rande. Ein Containerfrachter kam zu damaliger Zeit auf seiner Reise auf dem Großkreis Europa – Nordamerika in die Nähe der Georgesbank . Sein „zufällig“ angeschaltetes Echolot zeigte plötzlich eine rasant ansteigende, aber auch schnell abfallende, Untiefe unter seinem Schiff. Die Fischer, welche auf der Georgesbank ihrer Arbeit nachgingen, hörten eine Sicherheitsmeldung eben von diesem Schiff. Beim Blick auf die Seekarte wussten sie aber gleich, das war keine Untiefe sondern ein „schwarzer Pfahl“ Hering. Bildete doch der Hering am Tage gerade hier während der Laichzeit eine so große Konzentration, so dass er auf einem Schreib-Echolot mit dem vom Frachter gesehenen Gebilde angezeigt wird. Wie kann es anders sein, das Gelächter auf UKW war riesig. Doch weiter zum Auslauftag und zur Ausklarierung im Seerecht. Die Ami’s folgten damals dem Beispiel vieler Staaten und bildeten eine 200sm breite Ökonomische Zone an ihren Küsten. Und gerade in dieser Zone lag die Georgesbank. Und damit erst einmal ‚empty‘ in der Heringsfischerei in diesem Gebiet. Aber, auch hier war international festgelegt, fremden Fischereifahrzeugen musste erlaubt werden in der ÖZ fischen zu dürfen. Und wie überall in den ÖZ’s legten die Ami’s auch hier in ihrer Zone fest, wann und wo. Für die Heringsfischerei im Golf of Main war als Novum ein Fenster eingerichtet worden. Und zwar dort, wo wir in der Vergangenheit nicht die großen Säcke gezogen hatten. In der Ausklarierung wurden wir weiter belehrt. Natürlich war die Fangmenge in einer Quote begrenzt. Alle Schiffe, welche in das Fenster sollten, mussten von der Reederei eine gwisse Zeit vorher in den USA gemeldet sein. Und wenn man dann in das Fenster einlaufen wollte, musste man sich 72 Std. vorher anmelden. Der Anmeldung lief parallel das Ausfüllen eines mehrseitigen Formulars. Mich hätte damals nicht gewundert wenn nach dem Geburtsort der Oma und der Schuhgröße der Nachbarin gefragt worden wäre. Wollte man wieder raus, dann wiederum 72 Std. vorher bei der Coast Guard melden. Hatte man es geschafft und war im Fenster, dann war es Pflicht einen Observer der USA, also einen Beobachter, an Bord zu nehmen. So, nun habe ich erst einmal das Fenster geklärt, morgen weiter mit Peggy und der Fledermaus.
I. Teil, aus dem Jahre 1977 von Kapt. Volker Mitschke Der Auslauftermin verzögerte sich, doch am 02. August dann Lotse an Bord, fremde Personen von Bord, alle Leinen los, Voraus Langsam, Richtung Warnemünde zum Funkbeschicken. In Höhe der Molen bestellte der Lotse bei Rostock Port den Sender Warnemünde zum Funkbeschicken. Kurz vor der Reede Warnemünde dann Kommando „Stb. 10“ zum Kreise drehen, welche zur Funkbeschickung oder auch zum Kompensieren notwendig waren. Es war noch kein Vollkreis gedreht, da nahm der Lotse die Kopfhörer ab und meinte, der Sender geht nicht. Bei Nachfrage an Land wurde dann endlich bestätigt, der Sender ist nicht funktionsfähig. Uns blieb ohne Funkbeschickung nichts weiter übrig, als zurück zum Hafen. Aber dann, am 03. August, nun endlich Richtung USA-Schelf, Georgesbank. Es war Sommer, dementsprechend gut die Überreise im Nordatlantik. Höchste Windstärke war 6 Bft. Die Anreise wurde wie üblich zur Vorbereitung zur Fischerei genutzt. Unser Reiseauftrag besagte, erst mal Übernahme von Hering von Spezis (Spezialzubringertrawler) zur Verarbeitung von Hering zu Salzhering. Das hieß den Übergabesteert aus der Last, die Noppmaschinen überholen, Messer schärfen, Laderaum klar machen zum verstauen der Fässer. Ich muss noch mal zum für die Heringsfischerei von der USA gebildetem Fenster zurück kommen. Drei Tage vor dem Einlaufen ins Fenster also  anmelden. Im Fenster selbst waren schon ein paar Fahrzeuge unserer Flotte. Wie so üblich fragte man über Funk nach der Lage. Die Lage war nicht rosig, die Flotte dampfte hin und her, und suchte Anzeigen. Ein Spezi hatte wohl schon einen Probehol gemacht und ganz tolle 20 Kiepen dem Meer entrungen. Ja aber, davon konnte sich doch niemals eine ganze Flotte ernähren. Fischer sind jedoch immer optimistisch. Und kommt Zeit, kommt Rat. Diesmal sollte der Rat nicht billig werden. Von Cape Race bis zur Georgesbank dann Nebel, undurchdringlich, wie immer in dieser Jahreszeit gerade in diesem Gebiet. Am 15. August 06.00 Uhr, kaum im Fenster angekommen, lauerte schon der Graue Wolf auf uns. Nur dass er hier nicht grau, sondern weiß war, und Goast Cuard hieß. Es folgte dieübliche Prozedur. Lizenz vorzeigen, Kontrolle ob ein Fischereitagebuch an Bord ist und dann Punkt-für-Punkt des besagten mehrseitigen Formulars, ob denn in der Beantwortung der Fragen auch die Wahrheit von uns gesagt war. Wir wurden korrekt behandelt, irgendwie war da doch etwas im Hintergrund, ich meinte Misstrauen zu hören. Unsere Lizenz hatte eine Nummer mit den Anfangs- buchstaben GC. Die Leute der Goast Cuard erklärten uns, zur Unterscheidung zu den Fahrzeugen aus Bremerhaven würde bei uns GC, German Communist stehen. Ja, genau, das war es. Die Flotte im Fenster wurde immer größer. Mittlerweise waren FVS, ZT’s, Seitentrawler und sogar TVS, entweder von anderen Fangplätzen oder von Rostock gekommen. Die Fische aber, die standen außerhalb des Fensters. Anreisende Schiffe hatten sie auf ihrem Lot gesehen. Am 20. August habe ich in meinen Taschenkalender geschrieben: ‚treiben im Fenster, warten auf Fische, die noch nicht da sind; Besatzung  badet im Swimmingpool und sonnt sich. Unser Hauptdeck ähnelt nicht mehr dem eines Fischdampfers.‘ Am 31. August: ‚treiben immer noch ohne einen Schwanz im Fenster gesehen zu haben mit ROS 401, ROS 224, ROS 223 (also wir) und ROS 313. Alle anderen Outside.‘ Outside hieß, die übrige Flotte war, um Geld, sprich Devisen, zu sparen außerhalb der 200 sm Grenze. Musste man doch für die Observer teure Devisen bezahlen. Am 10. September: ‚immer noch die gleiche Gacke, no fish. Wie lange noch? WX very best, Stimmung immer noch gut.‘ Und das hieß was, die Stimmung von 32 Mann ohne Arbeit so lange aufrecht zu erhalten. Alle notwendigen Versammlungen waren nun endlich mal gemacht. (Das Thema Versammlungen sollte gesondert beschrieben werden.) Nur soviel, die Versammlungen der DSF waren gefragt, machte man dort doch einen russischen Abend, mit Speck, Schwarzbrot und...., ja natürlich Wodka. Die an Bord befindlichen Spielfilme liefen zum dritten oder vierten mal. Bei einigen Rollen konnten wir schon mitspielen, so oft hatten wir die aufgelegt. Ich erinnere mich an den Streifen „Der Kapitän“ mit Heinz Rühmann. Jede Pointe wurde schon 5 Minuten vorher belacht. Sehr oft konnte man den Film „Das Meer“ sehen. Sah man aus dem Bulleye, „Das Meer“, auf der Brücke dann in Cinemascope „Das Meer“,  nur die Wache im Maschinenraum hatte Pech. In den Kammern konnte man nicht mehr vernünftig Kaffee oder ein Bier trinken. Alle Tische waren voll gepackt mit angefangenen handgeknüpften Teppichen. Bekamen wir doch von zu Hause Wolle aus dem Vogtland, eben für diese Zwecke, mit. Da waren schon kleine Künstler dabei, die tolle Kunstwerke mit in die Heimat brachten. Die Bücherkiste war zum dritten mal durchforstet. Die anderen Schiffe hatten auch nichts Neues mehr, hatten wir doch schon ein paar mal hin und her getauscht. Nun will ich endlich zum Thema kommen. Eines Tages war Peggy da. – Ich erzählte schon, im Fenster mussten Observer der USA an Bord genommen werden. Um diese Leute auf den Schiffen nicht heimisch werden zu lassen, wurden sie in regelmäßigen Abständen ausgetauscht. Und diesmal kam Peggy. Peggy hieß eigentlich gar nicht Peggy, sondern Vivian Luise Behrmann. Irgendein verrücktes Huhn, ich glaube der I.NO, hatte sie Peggy getauft, sie war nicht abgeneigt diesen Namen zu tragen. Peggy kam am Vormittag des 20. August an Bord. Zum Mittagessen wollte ich mit einem forschen ‚Mahlzeit‘ an der Mannschaftsmesse und der Kombüse vorbei, doch irgendwie war da etwas ungewohntes. Im Rückwärtsgang an der vorderen Messe angekommen sah ich eine völlig umgewandelte Besatzung. Heiliger Poseidon, Großer Gott der Weltmeere, ich dachte mich knutscht’n Elch, eh. Die Leute waren geduscht, mitten in der Reise rasiert und hatten ein frisches Hemd an. Hmmm, und so blieb es, solange Peggy auf dem Schiff war. Hätte mich gar nicht gewundert wenn sie in der Koje ihre Englischkenntnisse aufgefrischt hätten. Mich mochte Peggy nicht besonders, schaute ich sie immer, ob der fehlenden Fische in diesem Scheiß-US-Fenster, schief an. Sie wollte mich, so glaubte ich, manchmal in gute Laune versetzen, ohne Erfolg. Seit dem ging sie mir aus dem Wege. Kam ich in die Messe zum Essen, war sie schon da gewesen oder kam später. Kam sie auf die Brücke, verzog sie sich gleich auf Bb.-Seite. Auf der „Görlitz“ war ihre Freundin als Observerin. Bei ihrer Frage, ob sie der Freundin einen Besuch abstatten dürfe, war ich sofort einverstanden und hatte zwei Tage Ruhe. Aber die „Görlitz“ hatte nun zwei Frauen. Na toll, Herr Kollege, da drüben. Irgendwann kam jemand auf den Gedanken, wir machen ein Neptunfest. Keiner hatte mehr Hoffnung auf Fisch, das Deck sah aus wie auf Heimreise. Aufgeräumt und sauber. Wenn nun doch Fisch gekommen wäre? Also Heimlichkeiten auf dem Schiff. Die Leute verschwanden immer öfter in der Netzlast. Der I.NO, ein Schelm, offenbarte mir, Peggy macht die Nixe. Ich wäre auf der Brücke fast vom Jagdsitz gefallen, eine US-Observerin verkleidet als Nixe auf einem sozialistischen Schiff. Neee, also wissense Frau Kalluweit. Der Tag des Neptunfestes kam heran, das Deck war geschmückt, alle hatten sich Mühe gegeben. Der Koch beim Büffet und der Bowle, der Alte hatte sich erweichen lassen, und..., na ja, zu einer Taufe musste doch außerhalb der wöchentlichen Zuteilung ein Bier getrunken werden! Neptun schritt gemächlich an Deck. Hinter dem Pastor, verkleidet als Nixe US-Bürgerin Peggy. Sie hatte eine Krone auf dem Kopf, der Nixenbusen war verhüllt mit einem (ihrem) Bikiniteil. Für unten hatte man ihr einen Rock aus aufgereppeltem Sisalgarn gebastelt. Eine würdige Nixe. Ob sie wohl zur Anprobe mit in der Netzlast war? Nach einer ordentlichen Taufe dann ordentlich essen und trinken. Nun noch ein Erlebnis, was ich in diesem Zusammen wohl nie vergessen werde. Peggy trank Bier genau so schnell und viel wie die Männer. Nur mit einem wichtigen Unterschied welchen ich bis heute noch nicht begriffen habe. Die Männer schlichen sich nach jedem zweiten Bier auf die Toilette, Peggy saß bis zum Ende der kleinen Feier wie angeleimt auf ihrem Platz. Wo ließ die Frau bloß die ganze Flüssigkeit? Ihr fehlte wohl die zweite Frau um gemeinsam......, wir Männer wissen doch, eine Frau geht in Gesellschaft nie allein auf die Toilette, dann muss aus unergründlicher Bestimmung immer eine zweite mit. Soviel zu Peggy, später etwas zur in der Überschrift angekündigten Fledermaus. aus dem Jahre 1977 - III.Teil von Kapt. Volker Mitschke Fledermäuse mögen ja kleine, niedliche Tiere sein, uns hielten sie jedenfalls einige Tage ganz schön auf Trab. Peggy war noch an Bord. Auf der Brücke sah man auch heute gelangweilt den Film „Das Meer“. An Bb.-Seite der Rudergänger im Ausguckstuhl, beide Ellbogen im offenen Fenster, es war ja Sommertags und schönstes, klares Wetter. Auf Stb.-Seite der „Alte“ im Jagdsitz mit verkniffenem Gesicht, es kamen und kamen keine Fische. Auf zwei Schiffen unterhielten sich über UKW die Kollegen über Fledermäuse. So ein Thema hatten wir noch nicht auf See, Fledermäuse. Der Dialog wurde interessant. „Du, wir haben Fledermäuse seit gestern auf dem Schiff.“ „Nee, noch keine gesehen, wo sind die?“ „Guck mal richtig nach!“ Quatsch, Fledermäuse, auf See, wo sollen die denn hier herkommen? Trotzdem mal in die Runde geschaut, den Rudergänger gefragt. Nöö, wir haben keine. Also Gleichgültigkeit. Wenig später dann die Stimme vom anderen Schiff: „Mein Observer hat gerade gesagt, es ist schon oft vorgekommen, dass gerade hier in diesem Gebiet Fledermäuse auf Schiffen angetroffen werden. Diese Tiere sind eine Vampirart und Überträger von Tollwut“. Nun war es vorbei mit der Ruhe. Zum Rudergänger: „Hol mal Peggy auf die Brücke!“ „Hello, Captn, wat can I do for you”. - “Please, can you tell me, wat’s the matter with the………”, na ja, und so weiter. Peggy bestätigte die Aussage ihres Kollegen. Und setzte hinzu, man sollte diese Sache nicht auf die leichte Schulter nehmen. In den Staaten Maine und Massachusetts sollen schon einige Fälle von Tollwut, hervorgerufen durch Fledermausbisse, aufgetreten sein. Nun denn, alle Mann in die Messe zur Belehrung. Bei der Frage, ob schon jemand eine Fledermaus auf dem Schiff gesehen hätte, wurden einige unruhig. Dann kam es heraus, ja, wir haben auch welche. Der Koch hatte sie in der Kartoffellast entdeckt und die Matrosen gebeten die Viecher aus der Last zu scheuchen. Und dann der Knaller. Ganz hinten meldete sich ganz zaghaft ein Mann, ihn hätte eine gebissen. Wie jetzt, einfach so? Nein, beim scheuchen reißt man doch die Hände hoch, macht huschusch und anstatt aus der Luke zu fliegen, ist die Maus auf seinen Finger geflogen und hat in ihrer Panik zugebissen. Der kleine Biss war noch zu sehen, mit einem Taschentuch umwickelt. Heiliger Strohsack, bleibt mir denn diese Reise gar nichts erspart. Erst das Fenster, dann keine Fische, Peggy dazu und nun sah ich uns schon vor meinem geistigen Auge mit blutunterlaufenen Augen und Schaum vorm Maul an Deck stehen und uns anknurren. Der Fangleiter auf der „Willi Bredel“ musste informiert werden, dieser wiederum den bei sich an Bord befindlichen Doktor. In dessen Apotheke war aber kein Serum zwecks vorbeugender Impfung gegen eventuelle Tollwut. Die Gespräche gingen auf UKW-Funk hin und her, mit dem  Ergebnis ,der Mann muss an Land. Na toll, 72 Std. vorher anmelden, ohne dem lief ja nichts, aber vielleicht machen die Amis in diesem Falle eine Ausnahme. In diese Gespräche hinein meldete sich plötzlich eine auf dem Platz unbekannte deutsche Stimme. Es war das Fischereischutzboot der BRD „Frithjof“, also auch ein grauer Wolf. Nur diesmal kam er als rettender Engel. Sie waren auf dem Wege nach Glouchester, in der Nähe von Boston, und wollten den Mann in die USA zur vorbeugenden Behandlung mitnehmen. Die „Frithof“ war kein Fischereischiff, sondern ein Schiff des Staates, und brauchte sich nicht im Fenster an- bzw. abzumelden. Zu diesem Zeitpunkt wäre mir nie im Traum eingefallen, dass ich in 14 Jahren mit der BLE, Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung Außenstelle Hamburg, der Reederei dieses Fischereischutzbootes, eng zusammen arbeiten würde. In meiner späteren Tätigkeit im Landesamt für Fischerei Mecklenburg-Vorpommern hatte ich öfter mit der BLE zu tun. Registrierte die BLE doch alle deutschen Fischereifahrzeuge und gaben Lizenzen und Quoten aus. Und übernahmen 1990 das FAB (Fischereiaufsichtsboot) „Warnemünde“ in ihren Bestand. Zusätzlich waren auch einige Leute aus meinem Kollegenkreis, zum Beispiel die Besatzung der „Warnemünde“ und andere aus dem Fischereiaufsichtsamt in die BLE übergegangen. Die Besatzung unseres FAB rekrutierte sich fast zu 100% aus ehemaligen Fischersleuten. Um es auf den Punkt zu bringen, die Zusammenarbeit mit den Leuten der BLE war immer äußerst kollegial. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Doch weiter mit dem Fledermausbiss. Intern kamen wir überein, der Mann geht mit der „Frithjof“ in die USA. Das Schlauchboot kommt  längsseits, unsere Leute stehen an Deck bereit zum Empfang. Wie bei solchen Fahrten üblich, stehe ich am Stb.-Fenster der Brücke und  höre, wie der Bestmann zu den Leuten der Schlauchbootbesatzung sagt: „Habt ihr keine Zeitungen mit?“ „Das nächste mal, wenn wir den Mann zurück bringen“, war die Antwort. So, jetzt wird’s gemütlich auf dem sozialistischen Schiff mit der angekündigten Schund- und Schmutzliteratur. Hatten doch in Berlin die alten Männer von Staat und Partei die Zeitungen und Zeitschriften aus dem Westen so genannt und verflucht. Nun soll heute aber der derjenige aufstehen und hier brüllen, der damals nicht eine „Bunte“, oder besser „Praline“, angeschaut hat. Auf jeden Fall war ich damals nicht so angezogen diese Zeitungen zu verdammen und so wollte ich es auch diesmal mit den zwei Zeitungen halten. Wen schadet es schon zu wissen ob Prinz X mit Prinzessin Y in Monaco....? Die achte Geliebte vom Sänger Sowieso kannte gleich niemand von uns. Nach vier Tagen kam unser Seemann aus dem gelobten Land zurück. Beim Näherkommen des Schlauchbootes merkte ich wie mir die Nackenhaare langsam zu Berge stiegen. Stolz und aufrecht saß unser Mann in einem weißen TShirt mit der ovalen Aufschrift „Fischereischutzboot Frithjof“ und dem Bild des Schiffes im Boot. Wenn ich das heute erzähle, dann schauen nicht Eingeweihte verständnislos drein, der Insider weiß, es war damals was außergewöhnliches. Beim aus dem Fenster schauen, sah ich einen Sack an Deck fliegen und den Bestmann im Schweinegalopp damit verschwinden. „Ach du grüne Gacke“. Nein, nicht so schnell gesprochen. Langsam und theatralisch betont, so ungefähr: „Achch duuu grüüüne Gacke“. Das waren doch nicht etwa alles Zeitungen? Ich hab mich ganz artig bei der „Frithjof“ bedankt und sie setzte ihre Reise zur bundesdeutschen Flotte fort. Diese war schon vor Wochen aus dem Fenster geflüchtet, als die Shipper merkten, hier im Fenster ist ja gar kein Fisch. Nun war es an der Zeit den Amerikaner nach seiner Zwischenreise zu befragen. Musste ich doch einen Sonderbericht zu diesem Fall in der Reederei abgeben. Er hatte von der Besatzung der „Frithjof“ ein paar Dollars bekommen damit er sich an Land bewegen und einen kleinen Wunsch erfüllen konnte. Bei der Nachfrage zu gekauften Zeitungen, ich wollte ihn vor möglichen Maleschen beim Zoll zu Hause bewahren wenn er Porno gekauft hätte, meinte er ganz aufgebracht: „Aber die da unten haben einen ganzen Sack mit Zeitungen“. - - Jetzt wieder das Ding mit der grünen Gacke !! Was blieb mir übrig, in die Bestmannskammer und den Sack mit Zeitungen in meine Kammer zu beordern. Jeder von den Lesern wird die Antwort kennen: „Wiiiir haben keine Zeitungen“. Ich will es nicht in die Länge ziehen. Alle an Bord haben die Zeitungen gelesen und kurz vor Rostock dem Meer übergeben, so glaube ich. Unser Seemann bekam dann jeden Tag eine Spritze vom mitgebrachten Serum gegen Tollwut in den Bauch. Am 03. Oktober gingen wir ohne einen Fisch gesehen zu haben auf Heimreise. Am 16. Oktober 08.00 Uhr in Rostock alle Leinen fest.
Norbert Stacklies Norbert Stacklies