Hochseefischer Welt
Fahrzeitberichte
                 Peer Schmidt-Walther auf FD "Johannes Krüss"
Das Gefecht beim Fladengrund
Scheppernd,grummelnd und flatternd rotiert die Schraube scheinbar direkt unter mir. Ein unangenehmes Gefühl! Das an- und abschwellende Dauergeräusch mischt sich mit den röchelnden Schnarchtönen in den sieben restlichen Schrankkojen. Zum Schneiden ist die Restluft hier unten im   Mannschaftslogis,  eben über der Achterpiek, stickig und stinkend nach Fisch, Tran und Öl. Jedesmal, wenn die aufgewühlte Nordsee das Heck unseres Dampfers (F.D. „Johannes Krüss", BX 650, Reederei Kämpf, Bremerhaven) auf einen Wellenkamm zerrt oder in ein Tal boxt, steigt mir Galle bis zum "Eichstrich" am Hals. Schlafen? wo   denkst du hin, trotz der Malocherei bis zum Umfallen. Tag und Nacht kurrt das Schiff, schleppt schwer arbeitend seinen "Netzbüddel" über den Fladengrund. Wenn es um Fisch geht, muß der Mensch zurück treten, denn was wäre die Menschheit ohne Fisch?! Urplötzlich fliegt das Schott unserer "Miefhöhle" auf, die trübe Deckenfunzel verbreitet noch mehr Trostlosigkeit in diesem Chaos aus Ölzeug, Seestiefeln und Bierflaschen.     "Freiwache an Deck!" brüllt ein Matrose und reißt auch gleich die Schiebetür meiner sargähnlichen Koje auf. "Nicht mal schlafen lassen die einen hier!" knurre ich so ohnmächtig wie wütend. Was bleibt mir auch schon anderes übrig – als Moses muß ich spuren", sonst packt oder trifft mich auch schon mal eine Hochseefischer-Faust  und zeigt mir, wo's lang geht. Widerwillig steige ich in mein noch feuchtes und klammes Arbeitszeug, dann poltern wir mit den schweren Stiefeln den Niedergang hinauf. "Verdammt, was hat der Alte nun schon wieder vor?" Der lehnt in seiner U-Bootfahrer-Jacke  aus einem Brückenfenster,  formt die Pranken zu einem Trichter. Seine Worte werden vom Wind verweht, während wir uns vor den "rauschenden Bärten" der rauhen See hinter der Verschanzung ducken. Ein Brecher nach dem anderen' 'tobt wütend, gischtend und schäumend über das Arbeitsdeck - ein Reinschiff, das sich gewaschen hat! "Was ist, wir haben doch noch drei Stunden bis zum hieven?" schreit einer der Ölzeugfiguren in Richtung zu dem einsamen Mann auf der Brücke, dessen rechter Arm wild gestikulierend nach Steuerbord weist. Der Bestmann wagt sich auf die Back, hangelt zurück an Deck und berichtet atemlos: "Da dampft einer vierkant auf uns los, hat wohl auch einen Schwarm im Echolot. Aber ausweichen muß  der, sonst krachts und wir können aussteigen!!                        Ratlosigkeit auf den zerfurchten, unrasierten Gesichtern - und das kommt selten vor!   Da kann  man doch nicht einfach tatenlos zusehen, bis die uns hier in den Grund Bohren. Wilde Entschlossenheit  macht sich breit: "Dem Hund zeigen wir's!"  Ein weißer Dampfstrahl zischt vom Schornstein her, dann dröhnt sie los, unsere Pfeife. Da müßte auch der letzte schlafende Freiwächter an Deck springen, meinen wir. Immer und immer wieder schickt der Alte seinen Warnruf zu dem Gegner auf Kollisionskurs hinüber. Bedrohlich nahe steht er zu uns, stampfend und rollend, mal zeigt er nur seine Mastspitzen, mal sogar das Ruderblatt. An Deck keine Menschenseele! Unser Alter und seine beiden Steuerleute haben sich offenbar auf eine gemeinsame Taktik geeinigt: Kurs halten, zumal wir mitten im   Fisch stehen und Wegerecht haben. Wir sehen, wie der Alte mit einem länglichen Gegenstand auf das Peildeck turnt - seine Schrotflinte, wie's scheint? Will der jetzt etwa Möwen schießen? Es gibt Naheliegendere Ziele,  zum Beispiel den belgischen Logger direkt vor unserem Steven. Und schon kracht es, wir schnuppern Pulverdampf. "Der muß den Jungs da drüben eine 'rüber gebraten  haben!" entfährt es dem Bootsmann staunend, "'n Schuß vor'n Bug   wie in alten Zeiten." Das Gefecht um Fisch, Kurs und Vorfahrt ist eröffnet. Und noch einmal legt der Alte an und feuert auf die Vorkante Brücke. Drüben öffnet sich das Backbord-Brückenfenster  und eine Faust wird sichtbar, die zu uns herüber droht, so als wollte der "Kollege"sagen: Na wartet nur! In beängstigend-bedrohlicher  Distanz torkelt der lebensmüde Belgier am Steven der "Johannes Krüss" vorbei. Scheint noch mal gut gegangen zu sein! Alle wollen gerade aufatmen, als sich die Kurrleinen wie Klaviersaiten spannen und die Kardeelen anfangen zu krachen. "Verdammt, die Geschirre haben sich ineinander verhakt " volle Deckung! " brüllt einer, und schon peitschen Drähte über Deck, schlagen alles kurz und klein - eine "Sinfonie der Zerstörung'",     die ich so leicht nicht vergessen werde (seitdem habe ich einen Höllenrespekt vor Drähten und Leinen, die "tight" stehen).          Fisch weg, Geschirr weg - Ende der Reise. Da hilft auch keine Schadenfreude, daß es auch den Belgier getroffen hat. Beide Trawler treiben, ihres wichtigsten Werkzeugs entblößt, also "unten ohne", über dem aufgewühlten Gefechtsfeld". Was ist mit dem Belgier los? Der dreht bei und hält mit voller Fahrt auf uns zu. In Dwarslinie passiert er uns, und da knallt es auch schon. "Achtung!" höre ich nur noch und dann  schwere Schäkel und Bolzen auf das Arbeitsdeck gegen die Aufbauten prasseln.                                                                                                                                                            Das ist also ihre "Rache" gewesen! Mit diesen Wurfgeschossen haben sie es uns heimzahlen wollen. Während die anderen sich gleich an das mühsame Anschlagen des Reservegeschirrs  machen, darf ich die Reste vom Beschuß einsammeln. Sie bekommen einen "Ehrenplatz" im Kabelgatt!
Bernd leverenz Bernd leverenz