Abenteuer aus aller Welt
Hochseefischer Welt
Peer Schmidt-Walther          Durch Australien an Bord von Super-Trucks Truck around the clock: am Steuer des „Top-end-Express“                      In Australien gehen die Uhren anders – und für Trucker ganz besonders. Die hierzulande oft geschmähten „Brummis“ halten das riesige Land am Leben, denn ein dichtes Eisenbahnnetz gibt es „down under“ nicht. Dafür ist die Bevölkerungsdichte viel zu gering. Im Land der Känguruhs und Koalas gewinnt das Trucker-Dasein damit eine ganz neue Dimension. Fahrleistungen von rund 40.000  Kilo-metern sind dort (fast) normal – im Monat wohlgemerkt.
Der Autor war früher selbst Fernfahrer und mit seinen australischen Truck-Kollegen auf Achse. Der Journalist rauschte am Steuer von bis zu 650 PS starken und 55 Meter langen Lastzügen der Marken Daimler-Benz, Mack, Kenworth, Scania und Western Star quer durch das Outback, saß in Roadhouses, den australischen Fernfahrerkneipen, und hörte den Truckys zu, wenn sie von ihren Erlebnissen erzählten. Daraus ist ein Buch entstanden: „Truck around the clock“ (Motorbuch-Verlag, Stuttgart; leider nur antiquarisch über amazon erhältlich, da in 2. Auflage restlos vergriffen).
„Dressierte Hunde“ Ausgangspunkt dieser Tour ist Rockhampton an der Ostküste von Queensland. Der Küste vorgelagert ist das berühmte Urlaubs- und Tauchparadies Großes Barriere-Riff. Mit unserem „Noch“-40-Tonner, der aus Zugmaschine und einem Auflieger besteht, rollen wir gegen Mitternacht über eine Ausfallstraße. Nach 30 Kilometern biegen wir ein auf einen riesigen Parkplatz. Weil die überlangen Gefährte weder in die Stadt hineinfahren dürfen noch können, werden sie auf entsprechenden Rangierplätzen –  Güterbahnhöfen nicht unähnlich – „zerlegt“ oder zu den legendären Road-trains aneinander gekoppelt. „Top-end-Epress“ Die Kenworth-Sattelzugmaschine, eine in Australien gebaute verstärkte Version des US-Vorbildes, spult Meile um Meile auf  der schmalen, geraden und flachen Straße ab, die sich im Kegel der über drei Kilometer weit reichenden Bulllight-Scheinwerfer zum Horizont hin verengt. Hinter uns folgen wie gut dressierte Hunde drei vollbeladene Anhänger. Ziel ist Darwin, „ganz oben“ im tropischen Norden. „Top-End-Express“ heißen wir denn auch. 8000 Kilometer in neun Tagen – wie soll das zu schaffen sein?  Und doch: im Non-Stop-Verkehr auf der längsten, härtesten und schnellsten Lkw-Linienverkehrsstrecke der Welt. Die Straßenwahl hängt normalerweise vom jeweiligen Wetter ab, oder, wie es Dough, mein australischer Fahrer-Kollege, ausdrückt: „Wenn wir glauben, daß das Wasser auf der kürzeren Strecke bis an die Windschutzscheibe heranreichen wird, nehmen wir den längeren Weg“. In der trockenen Jahreszeit wählen die Fahrer normalerweise eine Route, die quer durch das Outback führt. Wenn das Wetter schlecht ist und sich so mancher Straßenabschnitt in eine Schlammwüste verwandelt und unpassierbar wird, fahren sie zunächst entlang der Küste nach Norden.   On the road in die Wildnis  „Vor Überraschungen ist man trotzdem nicht sicher“, bemerkte Dough, „im letzten Jahr war ein Road-Train vier Wochen lang zwischen zwei reißenden Flüssen eingeschlossen, so daß man ihn aus der Luft versorgen mußte“. Wir sind gut ausgerüstet: in den vier Tanks 1800 Liter Dieseltreibstoff, zwei 58 Liter – Frischwasserbehälter, ein 58-Liter-Tank mit Motoröl, vier Reserveräder, Proviant und eine Sprechfunkanlage mit extremer Reichweite. Komme also, was das wolle: der „Top-End-Expreß“ muß und wird eine Zeit lang durchhalten! Von der subtropischen Küste am Großen Barriere Riff klettert der Truck über den Gebirgszug der Great Dividing Range, vorbei an Bananenplantagen, Mais- und Tabakfeldern und saftigen Weidegebieten, den „Produktionsstätten“ der bekannten australischen Steaks. Nachdem die Hochfläche, die nur mühsam im Schrittempo erkämpft worden ist, jetzt vor uns liegt, dünnt der Verkehr immer mehr aus, bis wir allein in der Wildnis sind. Alle paar Stunden müssen wir halten, um die Reifen zu kontrollieren. Das heißt für uns beide je 55 Meter am Zug entlanggehen und mit einer Eisenstange die Pneus abklopfen. Am Klang ist zu hören, wo ein Platter sitzt. Jeder Rundgang bedeutet Sicherheit vor unkontrollierbaren Schleuderbewegungen. Bewegung hilft auch den tückischen Sekundenschlaf verhindern. Glut über dem Sandmeer Entlang der Stecke stoßen wir auf eine andere häufige Gefahr in dieser Gegend: Vieh auf der Piste. Die großen Weidegebiete im Norden werden von öffentlichen Straßen durchkreuzt, die früher nur aus ein paar Spuren im Sand bestanden, die aber jetzt von immer schwereren Fahrzeugen malträtiert werden. Zäune, die das Vieh von der Straße fernhalten, gibt es nicht – und das führt oft zu bedauerlichen Konsequenzen. Die vielen toten Tiere am Wegesrand bedeuten große Verluste. Eine Umzäunung der riesigen Flächen würde allerdings noch mehr kosten. Auch Känguruhs werden in großer Zahl überrollt. „Manchmal hüpfen in einer Nacht bis zu 25 Tiere vor den Truck, da kannst du einfach nicht mehr bremsen bei 90 Sachen und 120 Tonnen im Genick“, meint Dough bedauernd und läßt die vier Signalhörner auf dem Dach regelmäßig aufheulen. Die mächtigen Stahlgitter vor dem Kühler sollen den Motor vor Aufprallschäden schützen, denn auf Hilfe kann hier keiner zählen. Bei Sonnenaufgang liegt ein heller Schimmer über dem Meer aus rosafarbenen Sand: ein Farbschauspiel zunächst in Hellblau und zartem Orange, das sich schließlich von hellem Gelb über leuchtendes Gold zu Pink wandelt, bis der Himmel feuerrot erglüht. Unsere Augen dagegen sehen das anders und wollen zufallen. Fliegender Wechsel Links und rechts zieht eine unendlich öde Landschaft vorbei, in der es weder Leben noch Farben zu geben scheint. Die Savanne, die locker mit Eukalyptus und Akazien bestanden ist, liegt längst hinter uns. Irgendwo unterwegs fliegender Fahrerwechsel. Vor uns ein Stück unbefestigter Piste, man spürt´s: „Bulldust“,  hauchfeines weißgelbliches Staubpulver, dringt erbarmungslos ins Innere der Fahrerkabine und in Nasen- und Mundschleimhäute. Der Laster und wir werden durchgeschüttelt. Abgeschlagene Räder, Achsen, Stoßstangen und Auspuffrohre zeugen von der Heimtücke dieser „Waschbrett“ - oder auch „Wellblech“ - Piste. Der puderfeine Staub bringt das überschwere Fahrzeug auch noch ins Schleudern und Rutschen. Im Rhythmus der lehm-harten Querrillen schlägt das Lenkrad hin und her, so daß meine Hände  bald geschwollen sind. „Mit 70 mußt du da ´rüber, dann ist’s grad noch erträglich“, brüllt Dough mir zu, „sonst schlägt´s dir alles kaputt!“. Die Lkw-Reste neben der Piste sind ein beredtes Indiz dafür. Einige Löcher sind so tief, daß die Stoßstange   hart aufsetzt. „Cattle-train ahead!“ Plötzlich Warnung über CB-Funk: „Vorsicht, Cattletrain voraus!“ Ich ziehe unseren Truck weit nach links auf den unbefestigten Standstreifen, damit es keine Kollision auf dem einspurigen Fahrstreifen gibt. Eine riesige Staubwolke walzt heran, gelbe Warn-Blinklichter blitzen daraus hervor. Da donnert auch schon das Ungetüm mit ebenfalls drei Trailern an uns vorüber, nur dreistöckig. Lange Sekunden sind wir in Staub eingehüllt, Sicht gleich Null. Ein paar hundert Schafe werden da in drang- voller Enge an die Küste gekarrt. Export in ein arabisches Land oder zum Schlachthof. Für die armen  Viecher ist das letzlich Wurst. Dann wieder lähmende Eintönigkeit, bis ich eine Wasserfläche vor uns sehe. Oder ist es vielleicht nur ein hitzeflimmernder Fata-Morgana-See vor todmüden Augen? Kurz darauf spritzt das Wasser bis an die Windschutzscheibe. Ein Wolkenbruch muß  hier vor gar nicht langer Zeit heruntergekommen sein. Die 650-PS-Maschine heult beängstigend auf. Dough steuert mit Vollgas  hindurch. „Wenn erst das Wasser versickert, und das geht hier verdammt schnell, hält dich der vollgesogene Sand fest, dann rollt nichts mehr!“, erklärt mir der Trucky auf meinen fragenden Blick hin. Zwischen Hölle und Himmel Bei Cloncurry endlich der gut ausgebaute Flinders Highway. Wir kurven durch die Bergwerksstadt Mount Isa, das größte Kupferbergbaurevier Australiens. Es geht unerbittlich weiter und mit der Temperatur nach oben. „50 Grad im Schatten sind hier nicht gerade eine Seltenheit. Am Armaturenbrett hatten wir mal 85 Grad, trotz offener Fenster“, wirft Dough ein, als er mein durchgeschwitztes T-Shirt bemerkt. Nachts passieren wir irgendwo in der Wildnis die Grenze zwischen den Bundesstaaten Queensland und Northern Territory. Nur ein Schild weist darauf hin. Gegen vier Uhr früh kriechen wir auf Three Ways zu, die berühmte Dreiwege-Kreuzung im Herzen Australiens. Schon Stunden vorher sind die Lichter in der klaren Nachtluft der Wüste auszumachen. Wie ich das schon kenne! Fast vertraut erscheint mir dieser magische Punkt im Zentrum des Kontinents. Das Roadhouse, auch Truckstop genannt, ist umzingelt von einer Wagenburg aus Straßenmonstern, die wie ihre Fahrer nach stunden- oder tagelanger Fahrt endlich einmal Pause machen können. Dusche und Kaffee gibt es im Rasthaus gratis. Man sitzt zusammen im Saloon, der mit Billardtischen und Theke ausstaffiert ist. Country-Musik, vorzugsweise von Slim Dusty, dem singenden Trucky, weht durch den Raum. Helden wie wir Ein Obelisk erinnert an den großen Helden Australiens: John Flynn, dem das Land die Errichtung des „Flying Doctor Service“, des „Fliegenden Arztes“, zu verdanken hat. Dutzende von Road-Trains geben sich hier ein Stelldichein. Nach einer Stunde Regeneration, Erfahrungs- und Informationsaustausch (z.B. über den Straßenzustand), übrigens auch wieder mit Beamten der Highway-Patrol, drehen wir auf den Stuart-Highway, der die Nord-Süd-Verbindung herstellt zwischen dem „top end“ (Darwin) und dem „down under“ (Port Augusta). John McDouall Stuart, der Entdeckungsreisende, bahnte sich 1862 auf gleicher Piste seine Spur, fast 4.000 Kilometer von Süd nach Nord, allerdings auf dem Rücken von Pferden und Kamelen, den Vorläufern der heutigen Brummis. Die letzte Etappe liegt vor uns. Ödes Scrub-Land bis zum Horizont, Spinifex-Grasbüsche, wohin man sieht, selten ein paar Aboriginee-Hütten. Den Ureinwohnern Australiens ist nicht viel Besseres geblieben. Die Sonne versinkt hinter einer Gruppe von mehreren Meter hohen Termitenhügeln. Nachts spüre ich: Die Luft wird feuchter. Wir tauchen ein in das tropische Waldland: Hügel, Flüsse, Mangrovensümpfe – welche landschaftlichen Gegensätze haben wir in kurzer Zeit durchrast. Geschafft! Unsere drei Trailer werden in Darwin entladen. Diese Stadt hat sich nach der großen Zerstörung durch den Zyklon Tracy 1974 wieder ganz erholt. Fast alles wird per Laster hierher gekarrt. Aber auch wir sind geschafft. Nur unser Roadtrain zeigt keinerlei Ermüdungserscheinungen. Nach harter Lenkarbeit zieht es mich am nächsten Tag an die weiten Südsee-Strände von Darwin, um in der Timor-See den Bulldust vom Outback abzuspülen. Unter Palmen ausgestreckt, geht mir der Spruch nicht aus dem Sinn, den ich am Heck „meines“ Roadtrains gelesen habe: „TRUCKIES CARRY THIS COUNTRY!“ Mit anderen Worten: Was wäre dieses Land ohne seine Fernfahrer!                                                                                            Dr.  Peer Schmidt-Walther
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